Gastbeitrag von Heidi von Einfachmaleinfach.de

Ich bin glückliche Ehefrau und Mama von drei kleinen Kindern (4, 2 ½ und fast 1 – ich weiß, sehr sportlich, seine Kinder in so kurzen Abständen zu planen… ;-)), nach vier Jahren Hausfrauenwahnsinn bin ich neuerdings Angestellte, und blogge seit reichlich einem Jahr auf Einfach mal einfach über alles, was das Leben – genau! – einfacher macht. Da gibt es einen bunten Mix aus selbstgemachten Abkürzungen in der Küche, Putzmittelrezepte oder Tipps & Tricks für den Alltag und das Mamasein sowie alltagstaugliche und praktische Alternativen zu Tüten und Fertigpäckchen – sei es eine Basisbackmischung für Waffeln, Muffins, Pancakes und mehr oder eine „Fix für“ Gewürzmischung.

Ich brauch‘ erstmal Schokolade – vom Essen ohne Hunger

emotionales Essen

Ich hätte es mir nicht so schwer vorgestellt. Als ich Karo vor etwa einem Monat einen Gastbeitrag versprach, der genau auf dem aufbaut, was ich ohnehin gerade in Arbeit hatte, konnte ich nicht vorhersehen, dass ich mich Tag für Tag vor dem Schreiben mit vielen sehr legitimen Begründungen drücken würde.

Und nun sitze ich im Schaukelstuhl, Laptop im Schoß, ein Tee neben mir, gemütliches Licht und Pseudokerzen an – und die gegenüberliegende Schublade lacht mich an. Ihre Bewohner sind Schokolade und Co. und ich kann sie förmlich rufen hören. Das kann auch die klassische Musik im Kopfhörer nicht übertönen.

Warum ist mir plötzlich so unwohl bei dem Gedanken, über emotionales Essen zu schreiben? Vielleicht weil die Beschreibung der Szene deutlich macht, dass ich noch ein blutiger Anfänger in diesem Thema bin und noch keine tollen Erfolgsgeschichten berichten kann.

Die meisten Frauen (und wahrscheinlich ist es keine Übertreibung zu sagen, der größte Teil der Bevölkerung in Überflussgesellschaften) kennen emotionales Essen in irgendeiner Form. Wie sonst lassen sich die unzähligen Filmszenen erklären, in denen ein gebrochenes Herz mit einer ganzen Tafel Schokolade verwöhnt wird, Frust mit einer großen Packung Eiscreme behandelt und Ärger durch kräftiges Zubeißen auf Chips und Salzstangen besser wird. Und wer kennt es nicht aus der eigenen Geschichte? Ein Stückchen Schokolade als Trost für ein aufgeschlagenes Knie oder das Eis zur Belohnung für gute Arbeit in der Schule prägen schon früh. Und natürlich ist Essen nicht von Emotionen zu trennen, wenn man bedenkt, dass seit Menschengedenken Feste immer auch üppige Tafeln beinhalteten.

Als ich im ersten Teil dieser Serie erklärte, warum ich keine Diäten mehr mache war nicht die Grundaussage, dass ich jedes einzelne Gramm an mir so ins Herz geschlossen hätte, dass ich es nicht herzugeben bereit wäre. Nicht um einem unrealistischen Schönheitsideal nachzustreben, sondern um zum natürlichen Wohlfühlgewicht meines Körpers zu gelangen. Doch nach Jahren der, wenn auch schließlich erfolgreichen Diätkarriere erkenne ich, dass ich mir langfristig einen tiefenentspannten Umgang mit Essen wünsche. Ich möchte mich nicht bis an mein Lebensende mit Dauerregeln und immer wiederkehrendem Versagen herumschlagen – ohne ständige Kämpfe mit der Waage und gefühltem Sportzwang, ohne permanent kritische Blicke in den Spiegel oder auf das Kleidergrößenschildchen. Ich möchte essen weil es meinem Körper gut tut und ich mich am Genuss freuen kann – ohne schlechtes Gewissen oder die Aussicht auf Verzicht.

Das größte Hindernis auf dem Weg dahin ist aus meiner Sicht das emotionale Essen. Die leichten Versionen davon erleben viele, wenn sie ins Kino gehen und Popcorn riechen. Dieser Ort ist so sehr mit Popcorn im Gehirn verknüpft, dass es „einfach dazu gehört“ und man schon Popcornhunger hat, wenn man nur daran denkt. Die schweren Ausläufer des emotionalen Essens zeigen sich jedes Mal, wenn jemand eine Diät in den Wind schießt, weil im Job etwas schief lief und die Müdigkeit und der Frust über die Entbehrung (welche wiederum nicht proportional zum Erfolg ist) einfach zu groß werden.

Emotionales Essen passiert jedes Mal, wenn man isst, ohne körperlich hungrig zu sein oder nicht aufhört, wenn man satt ist. Heimlich essen und völlig außer Kontrolle geraten kennen vielleicht nicht alle, aber auch an dieser Stelle kann man davon ausgehen, dass Emotionen irgendeiner Art für dieses Verhalten zuständig sind. Und damit wird auch deutlich, warum Diäten oder mehr Wissen um gesunde Ernährung keinen langfristigen Einfluss auf die steigenden Übergewichtszahlen haben können. Wenn jeder nur essen würde, wenn er körperlich Hunger hat und aufhört, sobald eine angenehme Fülle erreicht ist, hätten wir kein Übergewichtsproblem. Doch emotionaler Hunger kann sich genauso real anfühlen wie ein Grummeln in der Magengegend. Worin besteht der Unterschied?

Symptome von emotionalem und körperlichem Hunger

Während sich echter Hunger langsam aufbaut und für viele Optionen offen ist, kommt emotionaler Hunger ganz plötzlich über einen und hat einen gestochen scharfen Fokus auf etwas Konkretes. Emotionaler Hunger ist auch schwer satt zu bekommen – man kann essen und essen und essen und er verschwindet nicht. Manche nennen emotionalen Hunger auch „Kopfhunger“, denn er ist weniger in der Magengegend platziert als vielmehr ein festgefahrener Gedanke. Oft geht er mit Schuld, Selbstverachtung oder Versagensgefühlen einher. Auch das Genießen steht oft eher im Hintergrund.

Wie kann ich emotionalem Hunger begegnen?

Wem das Beschriebene bekannt vorkommt, der fragt sich spätestens jetzt, wie man da rauskommen kann. Den meisten wäre wahrscheinlich so wie mir eine schnelle Lösung à la Diät erstmal am liebsten. Irgendetwas für ein paar Wochen durchziehen und fertig. Doch wie auch mit Diäten an sich ist damit leider keinem geholfen. Das unangenehme an diesem Prozess ist, dass es eben Zeit erfordert, sich mal genauer anzuschauen, was denn bei mir persönlich zum Essen ohne (echten) Hunger führt. Ein bisschen weiter kommt man mit einem Blick auf gängige Ursachen: Stress ist ein Hitlistenanführer unter den Auslösern. Angst, Trauer, Frust, Langeweile, Einsamkeit, Leere sind ebenfalls gut darin, den Griff zu Schokolade, Chips und Eiscreme zu initiieren. Zudem kann das Thema natürlich noch viel tiefgreifender gehen, wenn schwierige Erlebnisse besonders aus der Kindheit Essen über Jahre zum Trostmittel werden ließen. Für jemanden, der sich mit dem Fokus auf Essen durch schwere Erfahrungen hindurchgerettet hat, wird es sicher nicht ausreichen, die folgenden Schritte auszuprobieren. Die Autorin Geneen Roth hat viele Bücher zu dem Thema in allen Facetten geschrieben, wo auch die „schweren Fälle“ Anleitung zur Heilung finden. Aber jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt und den kann jeder gehen, egal wie kurz oder lang er ist.

  1. Innehalten, Nachfragen und Hinhören
    Wenn ich bemerke, dass ich große Lust aufs Essen habe, ohne wirklich Hunger zu haben, dann hilft es kurz auf Pause zu drücken und mal in mir nachzufragen, was denn gerade los ist, welches Gefühl vorherrscht, was der Auslöser sein könnte. Bin ich beim Fernsehen gelangweilt? Ließ mich ein Misserfolg frustriert zurück und Essen scheint der einzige Lichtblick im Moment? Habe ich Angst oder Wut, und weiß außer zu einem Eis nicht wohin damit? Bin ich einsam oder fühle ich mich leer und versuche das durchs Essen zu füllen? Beim Nachfragen und Hinhören an dieser Stelle geht es nicht darum, sich selbstverachtend zu verurteilen. Eine neugierige, wissensdurstige Einstellung ist deutlich angenehmer und bringt viel mehr.
  1. Aushalten
    Der schwierige Schritt für mich ist dieses Gefühl erstmal auszuhalten. Als mir neulich nach dem Aufstehen bewusst wurde, dass mir eigentlich vor diesem Tag graut, war mein erster Impuls, mich auf meinen Latte Macchiato und das Frühstück zu stürzen. Als ich darüber nachdachte und versuchte, das Gefühl erstmal auszuhalten, merkte ich nicht nur, dass es vorübergeht, sondern meine Lust auf den Latte ließ deutlich nach. Mir fiel wieder ein, wie unwohl ich mich in letzter Zeit nach dem Morgenkaffee fühlte und dass ich das an so einem Tag nicht gebrauchen kann.
  1. Alternativen suchen
    Und damit war ich beim nächsten Schritt – nämlich nach Alternativen zum Essen zu suchen, die den gleichen Effekt (aber besser!) auf mich haben. Wenn ich gestresst bin ist es besonders wichtig, dass ich gut auf mich achte, entspanne und mir Gutes tue. Also überlege ich, was mir auch im Kurzformat helfen kann, etwas Ruhe zu empfinden, Spannungen loszuwerden und mich wohlzufühlen. Das kann eine Tasse Tee sein, ein Lied, ein kurzer Spaziergang, ein Blick in die Natur, ein Gespräch mit einem lieben Menschen, ein Wohlfühlduft, ein Bad, eine Atemübung. Vielleicht merke ich in Schritt eins aber auch, dass ich nur etwas kauen möchte und ein simpler Zahnpflegekaugummi hier Abhilfe schaffen kann.

An dieser Stelle wird es sehr persönlich, aber auch voller bunter Möglichkeiten, denn man kann sich auf Entdeckungsreise begeben. Es darf ausprobiert und experimentiert werden, welche Alternativen bei mir besonders gut funktionieren und welche gar nicht. Wer empfänglich für Musik ist, sorgt für leichten Zugang zu den Lieblingsliedern über das Smartphone und hält die Kopfhörer in der Tasche bereit. Wer ohnehin gern in der Natur ist, dem kann vielleicht ein 10 Minuten Minispaziergang schon helfen, „wieder runter zu kommen“. Wer besonders über den Geruchssinn angesprochen wird, könnte sich ein kleines Lavendelsäckchen in die Hosentasche stecken, um damit „im Notfall“ mit geschlossenen Augen ein paar Mal tief durchzuatmen. Es gibt ein Buch von Dr. Susan Albers, was voller Ideen steckt, um diesen Prozess ins Laufen zu bekommen.

Und nochmal – es geht hier nicht darum, das in Diätregeln umzufunktionieren, nach dem Motto „Ich darf erst essen, wenn ich XYZ ausprobiert habe.“ Das hat nur zur Folge, dass man hinterher sehr unfreundlich mit sich selbst umgeht und vielleicht sogar einfach nur mehr isst, weil man sich einmal nicht an diese Regel gehalten hat. Ziel ist das neugierige Fragen und Lernen, wie ich ticke, welche Situationen was bei mir auslösen und wie ich dem vorbeugen oder begegnen kann. Es geht darum mir Gutes zu tun, indem ich meinen Körper achte und ihn nicht mit Lebensmitteln vollstopfe, wenn gar kein Bedarf da ist. Es geht auch darum, diesem tollen Aspekt des Lebens nicht mehr und nicht weniger Raum zuzugestehen, als er verdient, sondern zur Freiheit im Umgang mit Essen zu finden.

Die Wochen des intensiveren Beschäftigens mit diesem Thema haben mir schon einiges über mich beigebracht. Es gibt noch genügend Momente, wo ich entweder gedankenlos weiter esse oder einfach nicht einschreiten will. Aber mir tut der Lernprozess gut und ich freue mich darauf, bald mehr Übung darin zu haben. Vom wackeligen Freistehen wie mein fast einjähriger Sohn werde ich mit kleinen Schritten und viel Hinplumpsen das Laufen lernen.

An diesem Abend blieb die Schokoladenschublade übrigens zu. Aber auch das nächste Hinplumpsen wird mich nicht davon abhalten, wieder aufzustehen und es nochmal zu versuchen – so lange, bis ich nicht mehr darüber nachdenken muss, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Im nächsten Teil der Serie wird es um das Intuitive Essen gehen, was Teil des Lernprozesses auf dem Weg zum entspannten Umgang mit Essen ist. Wer die weiteren Artikel nicht verpassen möchte, der kann sich gern HIER in meinen Newsletter eintragen.

4 thoughts on “Ich brauch erstmal Schokolade – über emotionales Essen

  • Pingback: Emotionales Essen – Einfach mal einfach

  • Februar 14, 2016 at 10:32 pm
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    Ein toller Artikel mit guten Tipps. Genau richtig als Leseempfehlung für Woche 7 (Entspannung statt Essen) meiner #Neustart16 – Challenge.
    Und das es eine Abnehmchallenge ist, widerspricht nicht der Kernaussage dieses Blogs. Denn ich ermutige jeden Teilnehmer dazu so weit abzunehmen, dass er sich wohlfühlt und nur, wenn er/sie es wirklich selbst will und nicht von anderen dazu gedrängt wird.
    Ich finde, es ist wichtig, dass man sich selbst mag. Nur dann kann man wirklich glücklich werden.
    Deswegen werde ich mich auch gleich mal durch die älteren Beiträge wühlen. Mal sehen, was noch für Schätze zu finden sind 😉
    Liebe Grüße
    Alexandra

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    • Februar 15, 2016 at 12:00 am
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      Hallo Alexandra,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Und wir geben dir vollkommen Recht: Abnehmen steht ganz und gar nicht mit unserem Blog im Zwispalt, solange es nicht nur getan wird, um einem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen, sondern dafür sich wohl zu fühlen und gesund zu sein. Jeder sollte sein persönliches Idealgewicht für sich finden und dafür tun, was notwendig ist – sodass er sich selbst wieder lieben kann.
      Wir wünschen dir viel Erfolg bei deiner Neustart Challange!
      Mit vielen lieben Grüßen,
      Karo vom Soul Warrior Blog

      Reply
  • Pingback: [#Neustart16] Woche 7 - Entspannung statt Essen - Alexandra Lei

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